Werteorientierte Medien als zukünftiges Kulturgut
In vielen Ländern Europas, speziell jedoch in Deutschland, sowohl a) aufgrund demographischer1 als auch b) erstmals aufgrund soziologisch-konstitutiver Änderungen in den kommenden Jahren, soll anhand eines edukativen, gesundheitsökonomischen und gesellschaftsethischen Diskurs an dieser Stelle ein Abriss dargestellt werden, warum werteorientierte Medienproduktionen zukünftig von gesellschaftlicher Relevanz sein werden.
In Deutschland geht gegenwärtig eine Epoche zu Ende, die der Vf. als die Epoche der bezeichneten Rabenmütter2 determiniert. Jahrzehntelang mussten berufstätige Frauen mit kleinen Kindern innergesellschaftlich sich zum einen rechtfertigen, andererseits mit den u.a. auch daraus zu verzeichnenden Schwierigkeiten umgehen. So mussten Sie, zum einen aufgrund unzureichender und lückenhafter Angebote von Betreuungsplätzen, einen dieser Plätze für Ihre Kinder finden und sich gleichzeitig gegen den soziologisch immanenten Vorwurf verteidigen, sie vernachlässigten ja ihre Sprösslinge und beraubten jenen ihrer natürlichen Entwicklungschance3. Bereits unter der Regierung Helmut Kohls war zu verzeichnen, dass das damals eingeführte dreijährige Erziehungsurlaubsmodell zwar ein altes Familienmodell versuchte zu festigen, jedoch die gesamtdemographischen und gesamtökonomischen4 Probleme innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Reflektion außen vor ließ. Erst die sozialdemokratische Familienministerin Renate Schmidt und ihre gegenwärtige CDU-Nachfolgerin Ursula von der Leyen5 passten die Familienpolitik an die gegenwärtig veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse an, d.h. aufgrund der negativ zukünftig zu erwartenden Nachhaltigkeiten demographisch-bedingter Umstände.
In der Mehrheit müssen Frauen in Deutschland wohl (da geht aus zahlreichen Berichten hervor), so wie in anderen Ländern Europas auch, zukünftig ebenfalls berufstätig sein, um innergesellschaftlich auch die Renten-, Gesundheits- und Pflegeversorgung der Gesellschaft gewährleisten zu können. Bereits heute sind jedoch viele Frauen bereits, die in den 70ern und 80ern geboren wurden, lange Jahre berufstätig, bevor sie einen familientauglichen Partner finden und eine Familie gründen. Die klassische Hausfrauenehe steht dabei gesellschaftlich überhaupt nicht mehr zur Debatte und wird in den nächsten 20 Jahren gesellschaftsbedingt auch nicht mehr zum Tragen kommen können. Trotzdem wünschen sich Frauen und Männer auch Kinder – und für diese Kinder natürlich, qualitativ hochwertige Betreuungs-, Bildungs- und Kultureinrichtungen6, d.h. mit freundlichen, zugewandten und natürlich kompetenten Mitarbeitern. Bereits seit vielen Jahren wird das entsprechende Kinder-TV-Programm als Babysitter- und familiäres Gestaltungsprogrammsersatz7 betrachtet und genutzt. Verzeichnet man jedoch das gegenwärtige Kinder-TV-Programm, so erschließt sich, dass unbedingt das Angebot werteorientierter (edukativer und kultureller) Inhalte8 zunehmen sollte. Anders ausgedrückt:
Erörterung
Der Lebensweg von Menschen wird, wie in allen Epochen, weiterhin durch die soziale Herkunft mit bestimmt. Die Lebenschancen von Menschen sind in enormer Weise determiniert durch das, was sie als Kinder erleben und erfahren, dieses entwicklungs- und lernpsychologisch nachgewiesen sogar noch bevor sie überhaupt mit dem Schulsystem in Berührung kommen. Genau deshalb hat es ein Jahrhundert der deutschen Schulreformen nicht vermocht, die Wirkung der sogenannten sozialen Vererbung zu reduzieren. Genau deshalb diktiert noch immer der soziale Status der Eltern den individuellen Bildungserfolg, d.h. das entsprechende Einkommen und die Berufsaussichten von Kindern.
Aus sozialen Gründen, wie aus Gründen der Effizienz, muss diese sozial-immanente Geltung zurückgedrängt werden. Aus der Sicht der Individuen ist heutzutage unter lernpsychologischen Gegebenheiten, eine starke kognitive Ausgangsbasis die nachgewiesene Vorbedingung für Bildungserfolg überhaupt, d.h. Einkommen und Karrierechancen stehen diesbzgl. in Korrelation. Aus der Sicht der Gesellschaft ist es insgesamt unbedingt wichtig, dass die künftigen Generationen sowohl kompetent als auch produktiv sind, einfach deshalb, weil sie demographisch zahlenmäßig so klein sein werden, jedoch enorme transferabhängige Bevölkerungsgruppen dieses mittragen müssen. Diesbezüglich wäre weiterhin zu verzeichnen, dass wir innergesellschaftlich jedoch durch die neuen Medien eine Epoche seit den 90ern erleben, wie sie seit der Epoche der Industrialisierung, d.h. in der Dynamik, Mobilität und Geschwindigkeit ihrer Progressivität und Gesellschaftsveränderungen, nicht mehr vorgekommen ist. Wir können uns eine zukünftige Erwerbsbevölkerung schlechterdings nicht leisten, die vielleicht zu 20 bis 30 Prozent9 aus funktionalen Analphabeten und/oder Menschen ohne Sekundarschulbildung besteht, während auf der anderen Seite die Medienkompetenz und Medienreflektion mehr nur als gefragt sein wird. Medienkompetenz als Kulturkompetenz wird diesbezüglich eine entscheidende und wichtige Rolle spielen; werteorientierte Medien als Botschafter sog. neuer, d.h. semiotischer Medienkultur bzw. Digital-Culture10. Von daher ist, was in vielen Publikationen nicht beachtet wird, die Emerging Culture eine Digital Culture, die Ihre Progressivität inkl. Änderungen der semiotischen Strukturprinzipien durch die postpostmoderne New Media-Arbeitswirklichkeit verzeichnet.
Kann das Phänomen bekämpft werden?
In der Vergangenheit konzentrierte sich die Sozial- und Familienpolitik auf eine Reform der Erziehung. Nebenbei sei angemerkt, dass Bildungs- und Kulturpolitik differenziert wurden, was sich beispielsweise in Themen wie musikal. Früherziehung, Schwimmunterricht, etc. zeigt. Die schlechte Nachricht im Hinblick auf Bildungsreformen11 aber ist, dass die tatsächlichen Mechanismen, u.a. der sozialen Vererbung, im Sententiellen anderswo stattfinden. Die gegenwärtig vorherrschende Sicht ist, dass die Wirkungen von Schule und Nachbarschaft viel weniger wichtig sind als die auf das familiäre Milieu bezogene Faktoren.
Worin genau bestehen die Eigenschaften von Familien, die ererbte Lebenschancen auf Dauer stellen? Und wie lassen sich diese Eigenschaften mit politischen Mitteln beeinflussen?
Die gegenwärtige Wissenschaft stellt vor allem zwei kausale Mechanismen12 heraus: “Geld” und “Kultur/Medienkultur”. Das “Geld”-Argument bezieht sich auf die Theorie des Humankapitals und fragt nach der Fähigkeit von Eltern, entsprechend in die Zukunft ihrer Kinder zu investieren. Eine umfangreiche Literatur13 dokumentiert jedoch, dass die späteren Einkünfte von Kindern stark mit demjenigen ihrer Eltern korreliert. Aber einer der überraschenden Ergebnisse lautet, dass die Auswirkung der sozialen Herkunft in Ländern wie Großbritannien und den Vereinigten Staaten viel stärker ist als in Kanada, Skandinavien oder Deutschland. Das bedeutet, dass die Sozialvererbung in weniger egalitären Gesellschaften weitaus stärker intensiv ist. Weitere wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, dass ökonomische Unsicherheit und Deprivation ernsthafte Negativeffekte auf die schulischen Leistungen und die damit späteren Einkommensaussichten von Kindern haben. Am alarmierendsten ist aber, dass Kinder, die in Armut und Unsicherheit aufwachsen, mit hoher Wahrscheinlichkeit ihrerseits wiederum arme Eltern werden. Lange Lebensabschnitte in Armut sind besonders schädlich.
Deshalb ist es von ganz zentraler Aussage, dass die Gesellschaft Perspektiven erhält, die aus der Armut heraus führt. Hier gilt einigen Studien zufolge: Die Mobilität aus dieser Armut heraus, steht in enger Wechselbeziehung zur gesellschaftlichen Ungleichheit insgesamt; in ungleichen Gesellschaften wie der amerikanischen existiert weitaus mehr Dauerarmut als in egalitäreren Gesellschaften14. Das alles zusammen heißt, dass ein Frontalangriff auf Armut in Familien mit Kindern ein effektives Mittel im Kampf um größere Chancengleichheit wäre. Das ergibt sich auch aus internationalen Vergleichen intergenerationeller Mobilität. Die beiden Autoritativsten dieser Studien15 ziehen denselben Schluss: Es hat im vergangenen halben Jahrhundert keinen realen Rückgang der sogenannten Sozialvererbung gegeben, weder im Hinblick auf Bildung noch im Hinblick auf Einkommen. Zugleich aber benennen beide Studien Schweden als Ausnahme von dieser Regel und determinieren eine Hypothese, dass dies ein positiver Effekt des ungewöhnlich egalitären schwedischen Wohlfahrtsstaates sein könnte. Tatsächlich gibt es Kinderarmut sowohl in Schweden als auch in Dänemark und Norwegen fast überhaupt nicht. Dauerhafte ökonomische Entbehrung und Unsicherheit sind vermutlich fundamentale, aber nicht hinreichende Ursachen geringer Lebenschancen. Sie sind elementare Ursachen deshalb, weil armen Eltern ganz einfach die Ressourcen fehlen, um beispielsweise die Zukunft ihrer Kinder planen und in die Zukunft ihrer Kinder überhaupt investieren zu können.
Nicht hinreichend bedeutet aber, dass sehr viel dafür spricht, dass gegenwärtig “medienkulturelle” Faktoren ebenfalls entscheidend sind, d.h. vor allem hinsichtlich der kognitiven und motivationellen Entwicklung von Kindern.
Evident ist, dass das “kulturelle/medienkulturelle Kapital” einer Familie einen großen Einfluss hat. Dabei gilt, dass “Kultur/Medienkultur” und “Geld” nur schwach korrelieren. Das wiederum heißt, dass eine Strategie, die auf Einkommensumverteilung setzt, womöglich nötig, aber nicht ausreichend ist. Eine effektive Sozial-, Familien-, Bildungs- und Kulturpolitik müsste zugleich die Ungleichheit der kulturellen und medienkulturellen Ressourcen angreifen, weil und insofern kognitive Fähigkeiten, u.a. auch auf den zunehmenden medienedukativen Bereich, immer bedeutsamer für die Lebenschancen der Menschen, d.h. der zukünftigen Gesellschaft sein werden.
Es ist somit zu verzeichnen, dass kognitive Fähigkeiten, d.h. die damit auch verbundene Medienkompetenz, der Schlüssel zu den Bildungsleistungen von Kindern sind16; sie sind zugleich die Vorbedingung für erfolgreiche Umschulung und Aktivierung im zukünftigen Erwachsenenalter. Weiterhin ist zu verzeichnen, dass die Erträge von Bildung steigen werden. Die Wahrscheinlichkeit zum Beispiel, dass Menschen der Übergang von sekundärer zu tertiärer Bildung gelingt, verdoppelt und verdreifacht sich unter denjenigen, die in Tests kognitiver Fähigkeiten gut abschneiden. Somit hätte man es mit einem Sachverhalt zu tun, in der die Herkunft der Eltern sowohl die kognitive Entwicklung wie die Bildungsleistungen der Kinder beeinflusst. Der Schlüssel liegt darin, eine Politik der Medienkultur auch diesbezüglich zu konzipieren, die den Einfluss ungleicher kultureller und kognitiver Ressourcen in den betreffenden Familien selbst beeinflusst. Das ist keine leichte Aufgabe, aber ein sehr suggestiver Hinweis ergibt sich aus internationalen Vergleichen der Wirkungen von elterlichem Sozialstatus auf die Bildungsleistungen von Kindern im Vergleich.
Wichtige Informationen durch Vergleiche innerhalb des Zeitverlaufs
War unser Land in der Lage, den Effekt der elterlichen Sozialvererbung zu verringern?
Die Statistiken zeigen diesbezüglich eher, dass es in den meisten Ländern überhaupt keinen Rückgang der Sozialvererbung gegeben hat; dies ist etwa in den Vereinigten Staaten, in Deutschland und Großbritannien der Fall. Im Gegensatz dazu haben die drei nordischen Länder Schweden, Dänemark und Norwegen erhebliche Rückgänge verbucht. Ganz besonders gilt das für Dänemark, wo die väterliche Ausbildung heute keinerlei Einfluss mehr auf die Sekundarschulleistungen der Kinder hat. Was frühere Forschung als schwedisches Ausnahmephänomen identifiziert hat, ist inzwischen zur gemeinsamen skandinavischen Wirklichkeit geworden17. Wie lässt sich das erklären?
Zweifellos sind die egalitären Bemühungen der nordischen Wohlfahrtsstaaten zur Reduzierung von Kinderarmut recht bedeutsam. Aber es gibt eine zweite, zur ersten nicht in Konkurrenz stehende Erklärung: Diese Länder, Dänemark voran, Norwegen als Nachzügler, setzen seit Jahrzehnten auf die allgemeine Versorgung mit Betreuungsmöglichkeiten und vor allem seit den 90ern auf edukativ-medienkulturelle Inhalte für Kinder im Vorschulalter. Bei nahezu ausgeschöpften weiblichen Erwerbsquoten, quer durch alle Bildungsgruppen, profitieren die Kinder aus wirtschaftlich und/oder kulturell schwächeren Haushalten grundsätzlich von denselben pädagogischen Standards und kognitiven Impulsen, wie Kinder mit privilegiertem Hintergrund. Deshalb bringen skandinavische Kinder bei der Einschulung, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, weitgehend homogene Voraussetzungen mit. Genau dies ist, was Medien- und Kulturexperten betonen: Die allerwichtigste Phase der kognitiven Entwicklung liegt vor dem Schulalter. Kinder mit geringen kognitiven Ressourcen laufen Gefahr, im Laufe ihrer Bildungskarriere immer weiter zurück zu fallen, weil Schulen schlecht dafür ausgestattet sind, vorausgegangene Versäumnisse aufgreifen zu können. Größere Chancengleichheit ist nicht bloß aus ethischen oder gerechtigkeitspolitischen Gründen wichtig. Sie ist auch eine Bedingung für das Funktionieren der Gesellschaft von morgen. Deshalb ist es kein hinnehmbarer Zustand, dass sich das Phänomen der Vererbung sozialer Nachteile immer weiter, somit nachhaltig, fortsetzt. Größere Chancengleichheit kann, wie o.e., durch Sozial-, Bildungs- und Kulturpolitik geschaffen werden. Eine Doppelstrategie wäre diesbezüglich notwendig, die zum einen bestehen muss aus effektiven Garantien gegen Armut im Kindesalter, zum anderen aus Maßnahmen zur Angleichung der kognitiven Stimuli für Kinder im Vorschulalter, u.a. auch mithilfe entsprechender edukativer Medieninhalte und medienkulturellen Entwicklung, da jene durch die Audiovisualisierung gezielter multisensorisch ansprechen. Keineswegs wäre es so, dass es sich bei solch einer Angleichung um ein utopisches Projekt handelt. De facto ist eine Strategie für allgemeine und hochwertige Kinderbetreuung, kombiniert mit medienkulturellen und medienedukativen Inhalten gleich in doppelter Weise ein mögliches Gewinnerthema der Gesellschaft: Dieses hilft zukünftig soziale Lebenschancen zu verbessern und ermöglicht zugleich somit auch mehr Erwerbsarbeit von Frauen18. Kein Zweifel, diese Strategie erfordert ggf. beträchtliche Investitionen seitens des Staates, d.h. jedoch zum nachhaltigen Wohle der Gesellschaft. Aber die Kosten, die unserer Gesellschaft ggf. entstehen, wenn diese Investitionen nicht unternommen werden, dürften bei weitem höher liegen.
Dabei sind die finanziellen Kosten des hier vorgeschlagenen Vorgehens sogar ziemlich niedrig. Im Hinblick auf Einkommensgarantien für Familien mit Kindern gilt: Machte die Politik die Garantie an der Hälfte des durchschnittlichen Haushaltseinkommens fest, würden sich die zusätzlichen Kosten für den Staatshaushalt auf nicht mehr als 0,2 Prozent des staatlichen Haushalts belaufen (so einige sozialwissenschaftl. Überblicksstudien). Wenn die meisten Mütter jedoch erwerbstätig wären, lägen diese Ausgaben nicht in jedem Fall niedriger. Zu gewährleisten, dass Mütter berufstätig sein können, ist aber bei weitem die beste Perspektive aus der Armut. Am allerwichtigsten ist es also, in Kinderbetreuung und in die nötige dazugehörige medienedukative Bildungsangebote zu investieren. Ein umfassendes System, um hochwertige Kinderbetreuung und Medienkultur zu etablieren, ist zweifellos teuer, doch hierbei muss eine vernünftige Gesamtrechnung gegenüber gestellt werden: Wenn Frauen der Zugang zur Kinderbetreuung offen steht, sind die Unterbrechungen ihrer Erwerbskarrieren weitaus kürzer, was zu höheren Gesamteinkommen im Lebensverlauf führt. Berechnungen für das beispielsweise dänische System besagen, dass erwerbstätige Mütter die ursprünglichen Kosten der Kinderbetreuung selbst wieder einbringen, weil ihre langfristigen Erwerbseinkünfte, und damit ihre Steuerleistungen, weitaus höher liegen. Das Hauptargument gegen solche Überlegungen lautet, dass die Berufsintensität von Müttern/Eltern negative Auswirkungen auf die Entwicklung und die Schulleistungen ihrer Kinder haben könnte. Selbst wenn die Erwerbstätigkeit von Müttern positive Effekte haben sollte, weil sie wie o.e. Armut reduziert, muss dieses Ergebnis in der Tat abgewogen werden, nämlich gegen die Möglichkeit, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern leiden könnte. Die bisherige Forschung zu dieser Frage liefert keine klaren Antworten. Diverse Überblicksstudien deuten stattdessen eher darauf hin, dass die Berufstätigkeit von Müttern überwiegend positive oder zumindest neutrale Wirkung hat, dass aber schädliche Effekte eintreten, wenn der Beruf Stress und chronische Ermüdung mit sich bringt.
Zwei auf britische statistische Daten gestützte Studien von John Ermisch19 und Marco Francesconi20 ziehen den pessimistischeren Schluss, dass sich die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern klar negativ auf das Lernverhalten ihrer Kinder auswirke. Die Wirkungen von Teilzeitarbeit sind diesbzgl. weniger eindeutig. Die Interpretation dieser Ergebnisse wird dadurch erschwert, dass selbstverständlich auch die Erwerbsarbeit der Väter negative Effekte habe. Die vergleichenden Analysen der Pisa-Studien stützen jedoch John Ermisch und Marco Francesconi nur teilweise: Vollzeitberufstätigkeit von Müttern scheint in mehreren Ländern tendenziell negativen Einfluss auf die kognitive Entwicklung von Kindern zu haben, zugleich jedoch hat Teilzeitarbeit wiederum offenbar rundum positive Effekte.
Es ist zweifach wichtig, den Einfluss elterlicher Erwerbsarbeit angemessen zu analysieren. Zum einen hängt viel davon ab, wann sie im Laufe der Entwicklung eines Kindes stattfindet. Negative Wirkungen betreffen laut o.g. Artikel von John Ermisch und Marco Francesconi offensichtlich vor allem das jüngste Alter bis zum fünften Lebensjahr. Hinzukommt, dass sich schädliche Effekte eher aus der Art der Arbeit ergeben als aus der Tatsache mütterlicher Erwerbstätigkeit an sich. Zum anderen kann man annehmen, dass die Folgen mütterlicher Erwerbstätigkeit von Land zu Land aufgrund inkulturativer Unterschiede und Umstände verschieden ausfallen, und dort zu mehr Problemen führen, d.h. wo die außerfamiliäre Betreuung von Kindern niedrige oder unregelmäßige Qualität hat.
Die Analyse der Pisa-Studien zufolge jedenfalls existieren eindeutige nationale inkulturative Differenzen: In den skandinavischen Ländern scheint die Berufstätigkeit von Müttern, ob in Voll- oder in Teilzeit, nicht die geringsten negativen Effekte zu haben. Am Ende müssen wir ganz einfach akzeptieren, dass die Erwerbstätigkeit von Müttern in allen fortgeschrittenen Gesellschaften zu einem universalen Phänomen wird21. Die Herausforderung besteht deshalb darin, eine Politik zu entwerfen, die verhindert, dass diese gesellschaftlich-immanente Tatsache schädliche sekundäre Wirkungen hat.
Gesamtaufgabe moderner Familien- und Medienkulturpolitik.
Wenn es so ist, dass elterliche Erwerbsarbeit die negativsten Auswirkungen in der frühen Kindheit haben könnte, dann ist offensichtlich, dass die Politik freizügige und flexible Elternzeiten für Eltern kleiner Kinder diesbzgl. ermöglichen müsste. Insofern weist John Ermischs und Marco Francesconis Untersuchung auf, dass die Arbeit von Vätern ebenso problematisch sein kann wie die von Müttern, d.h. weist auf wichtige Substitutionseffekte zwischen Vätern und Müttern hin. Es kommt vermutlich weniger darauf an, wer bei den Kindern bleibt, als darauf, dass überhaupt jemand bei ihnen ist und welche Qualität die soziale Gemeinschaft und Struktur hat. Anders ausgedrückt: Hier liegt weitere argumentative Munition zu Gunsten von Elternzeitprogrammen, die von beiden Elternteilen wahrgenommen werden können.
Fazit
Das führt hiermit zurück zur Ausgangsfrage der Betreuung- und kognitiver Medienpolitik.
Wenn Betreuungspolitik nicht mehr wäre als eine Antwort auf die Forderungen von Frauen nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie, dann gäbe es essentiell keinen Grund, weshalb sich der Sozialstaat dabei um universell hohe Qualitätsstandards kümmern sollte; schließlich scheint, d.h. gemessen an Fertilität und weiblicher Erwerbsquote, z.B. in den Vereinigten Staaten diese Vereinbarkeit in ähnlich hohem Maße gewährleistet wie in Skandinavien. Die Verteilung jedoch vorschulischer Betreuung in Amerika ist ein Spiegelbild elterlicher Finanzkraft. Eine Minderheit genießt somit nur hochwertige Betreuung; der Rest muss sich mit informeller Betreuung, etwa durch die alte Dame von gegenüber, zufrieden geben oder ganz auf Betreuung verzichten. Deshalb erreichen amerikanische Kinder das Schulalter bereits in hohem Maße sozial geschichtet und vorsortiert. Nur deshalb weisen die Vereinigten Staaten so ungewöhnlich starke Korrelationen zwischen ihrer sozialen Herkunft und ihren Lebenschancen ihrer Bürger auf. Der zentrale Punkt ist jedoch, dass eine Sozial- und Familienpolitik des allgemeinen Zugangs zu qualitativ hochwertiger Tagesbetreuung für Kinder bis zum sechsten Lebensjahr erhebliche gesamtgesellschaftliche Perspektiven hat. Sie trägt offensichtlich dazu bei, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen, mit dem sich arbeitende, wie in der Einleitung erläutert, Mütter herumschlagen. Sie ist nachweislich ein effektives Mittel im Kampf gegen die Vererbung sozialer Nachteile und die Verarmung von Kultur- und Bildungskompetenz, welche wiederum die zukünftige Medienkompetenz einschließt. Anders ausgedrückt: Sie wäre nicht nur eine Win-Win-Sozialpolitik, sondern eine effektive Investition in die Chancen von Kindern und die zukünftige Produktivität unserer Gesellschaften.
Medienverhalten von Kindern
Computer wurden laut Statistiken diverser Medienverbände22 für Kinder und Jugendlichen in den letzten vier Jahren wichtiger als der Fernseher mit dem dazugehörigen TV-Programm-Angebot. Dies wurde von zahlreichen TV-Unternehmen (Sendern) bereits länger erkannt, so dass in Kooperation mit dem in Dt. größten Provider, die Etablierung von VDSL für 2007 fokussiert und bundesweit eingeführt wird. D.h. alle Medien werden über ein neues Internet vereint und verbreitet werden, d.h. TV, Video-on-Demand, Telefon, Games, Internet, Radio, etc. Gleichzeitig beabsichtigen einige private TV-Sender das Decodieren Ihrer Programme, um so andersweitig den Rezipienten auf VDSL zu verweisen.
Computer nehmen nachweislich im Leben junger Menschen einen immer breiteren Raum ein. Müssten sich Jugendliche für ein Medium entscheiden, würden 26 Prozent den Computer und jeweils 19 Prozent Fernseher und Internet wählen. Obwohl der Fernseher noch immer das am meisten genutzte Medium ist, wird er in der persönlichen Wichtigkeit der Jugendlichen erstmals durch den Computer vom Spitzenplatz verdrängt. Fast alle Jugendlichen haben zu Hause Zugang zu Computer (98 %) oder Internet (92 %). 60 Prozent der 10- bis 19-Jährigen besitzen einen eigenen Computer, 38 Prozent haben einen eigenen Internetanschluss im Zimmer, bereits 6-10 Jährige erhalten mehr und mehr Zugang an den PC ihrer Eltern. Der anhaltende Erfolg bei der Ausstattung und Nutzung von MP3-Playern zeigt den zentralen Stellenwert von Musik bei jungen Menschen im Kontext eines breitgefächterten Internetangebots: Um Musik hören zu können, nutzen 70 Prozent mindestens mehrmals pro Woche einen MP3-Player, 56 Prozent nutzen mit dieser Häufigkeit den Computer als Musikabspielstätte und Downloadstätte. Noch vor dem Arbeiten für Schule und Beruf und der Nutzung von Computerspielen stellt Musikhören die häufigste Offline-Tätigkeit am Computer dar. Den Jugendlichen steht in Form von MP3-Dateien ein beträchtliches Musikrepertoire zur Verfügung: 40 Prozent haben bis zu 100 Musiktitel gespeichert, ein Drittel kann aus 100 - 500 Titeln auswählen und ein Viertel hat mehr als 500 Titel zur Verfügung. Mehr als zwei Drittel aller Jugendlichen gehen mehrmals pro Woche oder häufiger online. Dabei wird das Internet vor allem als Kommunikationsmedium genutzt, die häufigsten Tätigkeiten sind der Austausch über Instant Messenger und E-Mail, mehr als ein Viertel der jugendlichen Onliner sucht aber auch regelmäßig Chatrooms auf. Betrachtet man die Internetnutzung unter den Aspekten Kommunikation, Information und Spiele, so entfallen nach Einschätzung der Jugendlichen 60 Prozent ihrer Nutzungszeit auf den Bereich Kommunikation, 23 Prozent auf die Informationssuche und 17 Prozent wird für Online-Spiele verwendet.
Das o.g. Konsumentenverhalten zeigt deutlich, dass eine noch gezieltere Rezipientenbindung in den nächsten Jahren über das sog. IPTV stattfinden wird.
Fasst man o.g. Aspekte zur Sozial, Bildungs- und Kulturpolitik zusammen, so sollte aufgrund o.g. Schildungen sehr dringend mehr in edukative Medieninhalte und werteorientierte Medieninhalte investiert werden, diese auch als Chance begriffen werden, um u.a. auch jeglicher Entsozialisierungsfaktoren, Ausgrenzungsfaktoren, möglicher Kriminalisierung, auch dem Bewegungsmangel, zunehmender gesellschaftl. Fettleibigkeit und zunehmenden Medienkodependenzen vorzubeugen. Die Medien müssen dabei als Ganzes betrachtet werden, d.h. als gesellschaftlich-kulturelle Chance zukünftiger Arbeitswirklichkeit. Den Beitrag den werteorientierte Medien dazu beitragen können ist eine klare Bildung der Medienkompetenz zu dem auch ein gesunder Medienumgang gehören sollte. Eine negative Konnotation der Medien/Neuen Medien bzw. die defizitäre Unterscheidung von Medien und Neuen Medien als solches, verhindert eher die erforderliche Einsicht und jeglichen diesbzgl. Dialog.
1“Demographische Rendite” als Unwort des Jahres 2006, Eine Studie der Prognos AG, die von der Robert-Bosch-Stiftung in Auftrag geben wurde und in Zusammenarbeit mit der WELT entstand, trägt den Titel “Demographie als Chance” und wurde Ende August 2006 veröffentlicht. Aufgrund kinderloser Lebensentwürfe von Millionen Bundesbürgern werden im deutschen Bildungssystem Gelder in Milliarden-Höhe frei. Bis zum Jahr 2020 entsteht laut dieser Untersuchung eine “demographische Rendite” in Höhe von 80 Milliarden Euro. Rechne man allgemeine Preis- und Lohnsteigerungen hinzu, dann ergäbe sich sogar ein Betrag von annähernd 100 Milliarden Euro. Rendite ist ein positiv besetzter Terminus, Rendite zu steigern ist jeder bestrebt. Am höchsten ist die “demographische Rendite” wenn man der nächsten Generation vollkommen Leben und Chancen verweigert. Dieser Begriff ist an Menschenverachtung kaum zu überbieten. Kinder sind Menschen und die Verweigerung Ihres Lebens und damit der wichtigsten Zukunftsinvestition kann nichts sein, welches eine positive “demographische Rendite” erbringt. Dieser Begriff beschönigt die der Kinderfeindlichkeit innewohnende hedonistische Raubbaumentalität, die uns die Zukunft unseres Gemeinwesens kosten wird.
2Der Begriff der „Rabenmutter“ ist sprachterminologisch in Europa einmalig. Entstehungsgeschichtlich wurden mit diesem Terminus Mütter bezeichnet, die ihre Kinder zur Adpotion freigaben. Seit den 50en jedoch wurde dieser Begriff jedoch gesellschaftlich so sozialisiert, dass auch diesbzgl. Mütter bezeichnet wurden, die neben dem Muttersein auch ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung im Fokus hatten und z.B. Berufstätig waren.
3Thimm, Caja, Soziales im Netz,Wiesbaden 2000, S. 182ff.
4So ist das seit Jahrzehnten zu verzeichnende Modell der gesetztlich Krankenversicherten hinsichtlich der sog. Familienversichertenstatuten ein grundsätzlich gesamtgesellschaftliches Problem und in Europa einmalig. Aus diesem Grunde wird gegenwärtig in der Diskussion die sog. Kopfpauschale fokussiert. Hinzukommen Ehegattensplitting, die dem Staat horrende Steuereinnahmen verloren gehen lassen. Desweiteren konnte jeder Student auf Kosten des Staates (pro Student geht man von einer Summe von etwa € 150.000 aus, die der Staat subventioniert) ein Bildungsangebot beanspruchen, häufig jedoch investierten Frauen mit Kindern diese Subventionen dem gesellschaftlichen Wohl nicht wieder zurück.
5Ursula von der Leyen, Volkswirtschaftlerin und Ärztin, 7 Kinder. http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_von_der_Leyen
6Deutschland ist das einzige Land Europas, in dem Kindergärten rechtlich nicht als Bildungseinrichtungen, sondern als Erziehungs- und Betreuungseinrichtungen gelten. Die Folgen sind immens. Bildung muss aufgrund des Gesetzes jedem Bürger (jedem Kind) gratis gewährt werden.
7Preul Reiner, Kirche und Medien, Gütersloh 200, S. 172ff.
8Herrmann, Jörg, Sinnmaschine Kino – Sinndeutung und Religion im popularen Film, Gütersloh 2002, S. 100.
9Vgl. Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.; www.alphabetisierung.de.
10Hermann, Jörg, Sinnmaschine, S. 30ff.
11Vgl. Pisa-Studien.
12David Chaffrey, Internet-Marketing, München 2001, S. 308f.
13Vgl. ebd. Litliste.
14Vgl. ebd., S. 475ff.
15The Constant Flux von Eriksson und Goldthorpe sowie Persistent Inequalities von Shavit und Blossfeld.
16Preul, Rainer, Kirche und Medien, S. 51f.
17Thimm, Caja, Soziales im Netz, S. 182ff.
18Vgl. Einleitung des Vfs.
19Vgl. John F. Ermisch, Chiara Pronzato (December 2006) ‘Intra-household Allocation of Resources: Inferences from Non-resident Fathers’ Child Support Payments’. Discussion Paper of Institute for the Study of Labor (IZA), paper 2006-2498 . Germany: Institute for the Study of Labor.
20Vgl. Marco Francesconi, From Parents to Children? Socioeconomic Attainment and the Role of Family Background (forthcoming) Report to the Anglo-German Foundation (with Stephen Jenkins and Thomas Siedler)
21Vgl. Einleitung des Vfs.
22Vgl. div. USF-Seminare und Skripte.





